Freitag, 06. November 2020

Weihnachten in Corona-Zeiten: Wie Familien neue Rituale finden

Punsch auf dem Weihnachtsmarkt, das Dinner mit der ganzen Familie: Viele Traditionen wird es in diesem Jahr nur eingeschränkt geben. Wie können wir uns trotz Corona ein schönes Fest machen?

Vereinsfeiern, Adventssingen, Verwandtenbesuche: Die Weihnachtszeit geht für viele Familien üblicherweise mit einer Menge Termine und Traditionen einher. Durch die Corona-Pandemie wird das in diesem Jahr anders sein.

Veranstaltungen und Märkte finden höchstens eingeschränkt statt, von Treffen mit der ganzen Familie rücken viele lieber ab. Gibt es also ein Weihnachten in der Light-Variante - höchstens halb so schön wie sonst?

Auf keinen Fall, findet die Autorin Nathalie Klüver: «Dass die Weihnachtszeit in diesem Jahr ganz anders ist, muss nicht unbedingt negativ sein. Schließlich fällt eine Menge Stress weg.» Klüver beobachtet, dass viele Menschen das Weihnachtsfest mit hohen Erwartungen aufladen.

Weniger Termine können entlasten

Das Menü muss perfekt durchkomponiert sein, das Wohnzimmer großartig geschmückt, alle sollen sich wohlfühlen. Fallen Besuche und Termine weg, kann das für Entlastung sorgen. Das schafft Raum, um sich in Ruhe zu fragen: Welche Weihnachtstraditionen mögen wir wirklich? Wen wollen wir ehrlich treffen? Welche Traditionen halten wir vielleicht nur aus einem Verpflichtungsgefühl heraus aufrecht?

«So können Eltern und Kinder gemeinsam zusammentragen, was sich jeder für dieses besondere Weihnachtsfest wünscht», sagt Melanie Gräßer, Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Auf diese Weise kann man sich von dem Fest, wie man es vorher kannte, verabschieden und sich neuen Dingen öffnen. Gräßer hat sich für Weihnachten zum Beispiel ein Home-Rallye-Spiel für Kinder und Eltern überlegt, das sie kostenlos zum Herunterladen anbietet.

Frust der Kinder ernst nehmen

Und dennoch: Gerade für Kinder kann der Frust groß sein, wenn geliebte Traditionen ausfallen oder die Oma an den Feiertagen nicht kommen kann. «Weihnachten ist schließlich ein sehr emotionales Fest», sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Katharina Schiersch. «Wichtig ist, dass sich Eltern in ihre Kinder einfühlen - und anerkennen, dass es eben traurig ist, wenn bestimmte Traditionen in diesem Jahr nicht stattfinden können.»

Wie füllen Familien die Vorweihnachtszeit und die Feiertage stattdessen? «Ich kann mir vorstellen, dass einige Familien davor Bammel haben - und insgeheim froh sind, dass normalerweise so viele Termine von außen festgelegt sind», sagt Schiersch.

Dabei gibt es auch in Zeiten von Corona viele Wege, ein wohlig-warmes Weihnachtsgefühl zu erzeugen. Schiersch rät dazu, sich in den Wochen vor Weihnachten umso mehr Zeit fürs gemeinsame Basteln, Singen oder Backen zu nehmen.

Zeit nehmen für neue Dinge

Dieses Jahr ist dabei ein guter Anlass, Neues auszuprobieren - es müssen schließlich nicht immer die klassischen Vanillekipferl sein. «Auch Marzipan, Bonbons und geröstete Mandeln lassen sich einfach zu Hause herstellen», sagt Schiersch.

Besondere Erlebnisse entstehen auch dann, wenn Aktivitäten drinnen und draußen verbunden werden. «Viele Weihnachtsgeschichten spielen im Tierreich - da spricht es Kinder besonders an, wenn man diese Geschichten mit auf den Waldspaziergang nimmt», schlägt Schiersch vor.

Ein anderes Ritual kann es sein, Vogelfutter aus Kernen und Pflanzenfett selbst herzustellen und anschließend in der Natur einen passenden Platz dafür zu suchen. Auch das Weihnachtssingen lässt sich vom Wohnzimmer in den Wald verlegen. Gefragt ist hier vor allem die Kreativität.

«Bei der Entwicklung solcher Rituale und Ideen lassen sich auch die Kinder prima einbeziehen», sagt Schiersch. «Und bei allem gilt: Es muss nicht perfekt sein, viel wichtiger ist das Miteinander.»

Weihnachtsmarkt-Essen nach Hause holen

Melanie Gräßer kennt eine Frage, die bei der Gestaltung von Weihnachten Orientierung geben kann: Wie können wir das, was uns wichtig ist, anders umsetzen? Wer das typische Weihnachtsmarkt-Essen vermisst, kann heiße Champignons, Crêpes und Kinderpunsch einfach in der heimischen Küche zubereiten.

Egal, ob die auf dem Sofa oder an selbstgebauten «Marktständen» im Kinderzimmer verzehrt werden - die Füße bleiben herrlich warm. Auch das Adventssingen lässt sich in die eigenen vier Wände holen. Dafür braucht es nicht einmal Musikinstrumente - schließlich bieten CDs und Musikstreaming-Dienste ein breites Spektrum an Instrumental-Versionen bekannter Weihnachtslieder.

Kontakt zur Familie halten

Weihnachten gilt als Fest des Miteinanders. Wie lassen sich Nähe und Verbundenheit schaffen, wenn die Familie nicht an einem Tisch sitzen kann? «Ich kann mir gut vorstellen, dass in diesem Jahr Briefe und Karten an Wert gewinnen», sagt Klüver.

So können Familien in der Vorweihnachtszeit Päckchen für die Liebsten packen, in denen auch selbstgebackene Kekse Platz finden. Und an den Weihnachtstagen selbst? So müde viele von den ganzen Videokonferenzen auch sind: Zum Fest können virtuelle Treffen für Verbundenheit sorgen. «Das gilt vor allem, wenn man sich zum gemeinsamen Essen verabredet - es gibt ganz viele Möglichkeiten», sagt Schiersch.

Platzhalter für Oma und Opa finden

Selbst das Krippenspiel im heimischen Wohnzimmer kann durch Zoom, Skype und Co. vor den Augen der gesamten Familie stattfinden. Gerade für Kinder kann es tröstend sein, eine Art Stellvertreter für die fehlenden Verwandten an der Weihnachtstafel zu platzieren. «Wenn die Großeltern nicht kommen können, kann man stellvertretend für sie ein Foto oder Kuscheltiere auf dem Tisch aufstellen, so dass sie doch irgendwie dabei sind», sagt Gräßer.

Umso schöner wird es, wenn Oma und Opa vorab noch ein paar Zeilen geschrieben haben, die dann am Tisch vorgelesen werden.

Wer die Familie an den Feiertagen sehen möchte, sich damit in geschlossenen Räumen jedoch nicht wohlfühlt, kann einen ausgiebigen Weihnachtsspaziergang anregen. Mit Zimtsternen und heißem Tee in der Thermoskanne sorgt auch der für ordentlich Weihnachtsstimmung - anders, aber auch gut.