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Dienstag, 27. August 2019

Lautloser Poetry-Slam - Festival bietet gehörlosen Kindern Bühne

Eine Frage wird mit hochgezogenen Augenbrauen ausgedrückt, das Adjektiv steht hinter dem Substantiv und das Verb immer am Ende: In Thüringen bekommen am Wochenende kleine Gebärdensprachpoeten eine Bühne.

Sie reden mit den Händen und sprechen mit dem Gesicht: Gehörlose verständigen sich mit Händen, Mimik, Kopf- und Körperhaltung, doch im Alltag kommt die Gebärdensprache noch zu kurz, meint Kathrin Löffelholz vom Verein für bilinguale Bildung in Deutscher Gebärdensprache und Deutscher Lautsprache, Biling, im thüringischen Arnstadt. Biling richtet an diesem Wochenende bereits zum vierten Mal ein Gebärdensprach-Festival für Kinder aus. Dazu werden rund 200 Teilnehmer - gehörlose Kinder und ihre Familien - aus 13 Bundesländern in Dörnfeld an der Ilm erwartet.

Bis Sonntag gehört kleinen Gebärdensprachpoeten im Alter von drei bis 15 Jahren dann die Bühne, wenn sie lautlos, aber gestenreich ihre Kurzgeschichten und poetischen Beiträge präsentieren. Das Programm wird von Vorträgen und Workshops für Erwachsene abgerundet. Das Festival richtet sich an taube, schwerhörige und hörende Kinder sowie deren Familien.

In den meisten allgemeinbildenden und auch Gehörlosenschulen sei die Deutsche Gebärdensprache immer noch kein Unterrichtsfach, kritisiert Löffelholz. Und das, obwohl sie 2002 als eigenständige Sprache gesetzlich anerkannt worden sei. Das Lesen von den Lippen sei jedoch anstrengend. So könnten nur etwa 30 Prozent der Laute durch Ansehen erkannt werden, erklärt Löffelholz, die selbst Gebärdensprachdolmetscherin ist. «Butter und Mutter sind beispielsweise beim Ablesen kaum zu unterscheiden.»

Einen steigenden Bedarf am Dolmetschen macht neben dem Verein Biling auch der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) aus. Schätzungen gingen deutschlandweit von 650 bis 750 Gebärdensprachdolmetschern bei etwa 80 000 gehörlosen Menschen aus.

Einen Grund für die steigende Zahl an Aufträgen sieht die BDÜ-Bundesreferentin für das Gebärdendolmetschen, Kathleen Riegert, darin, dass Gehörlose immer höhere Bildungsabschlüsse erwerben und in gehobenen Positionen arbeiten. Auch würden in zunehmend mehr Bereichen die Kosten für das Gebärdensprachdolmetschen übernommen, was zu einem steigenden Bedarf führe.

Im Vergleich zu anderen Ländern seien aber in Deutschland Gebärdensprachdolmetscher erst spät ausgebildet worden, erklärt Riegert. Der erste universitäre Studiengang habe 1996 in Hamburg begonnen, inzwischen gebe es bundesweit sieben Studienorte.

In Thüringen leben laut dem Landesverband der Gehörlosen rund 1800 Gehörlose und arbeiten mehr als 20 Gebärdensprachdolmetscher. «Die Gehörlosengemeinde sieht sich als sprachliche Minderheit und das Gebärden nicht als eine Behinderung», stellt Löffelholz klar. Die Gebärdensprache sei nicht einfach nur eine Sprache, sondern eine Kultur, auf die Gehörlose stolz seien.