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Mittwoch, 04. September 2019

Jobs im Studium: Wie viel Berufspraxis brauchen Uni-Absolventen?

Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch bewährt: Erfahrung während des Studiums gesammelt zu haben, kommt bei Arbeitgebern gut an. In manchen Bereichen geht es kaum ohne.

Viele Studierende hangeln sich während des Studiums von Praktikum zu Praktikum. Andere arbeiten über mehrere Jahre als studentische Aushilfe und fühlen sich, als wären sie längst im Berufsalltag angekommen. Und manche verzichten gänzlich auf einschlägige Erfahrung, da sie finanziell ums Überleben kämpfen und Jobs nachgehen, die für den späteren Beruf irrelevant sind.

Doch muss man als frisch gebackener Uni-Absolvent überhaupt schon passende Berufserfahrung vorweisen? Und wenn ja: wie viel?

Darauf zu verzichten ist aus Sicht von Ragnhild Struss jedenfalls nicht empfehlenswert. «Praktika stellen als einschlägige Praxiserfahrung einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber rein theoretisch ausgebildeten Berufseinsteigern dar», sagt die Expertin vom Hamburger Karriereberatungs-Unternehmen Struss und Partner. «Daher gilt: Je mehr Praktika man absolviert hat, umso besser.»

Menge allein ist aber nicht alles. In jedem Fall sei es wichtig, dass ein roter Faden erkennbar ist und die Tätigkeiten nicht wild durcheinander gewürfelt wirken, erläutert Struss. «Passen Sie extrem gut zu einer ausgeschriebenen Stelle, können mitunter schon ein bis zwei Praktika ausreichend sein, um zu punkten.»

Arbeitgeber schätzen praktische Erfahrungen

Grundsätzlich könne man sagen, dass potenzielle Arbeitgeber praktische Erfahrung schätzen, bestätigt Petra Lehmann von der Zentralen Studienberatung der Universität Heidelberg. Das könnten Praktika, studentische Nebentätigkeiten oder Werkverträge sein.

Klara Feicht studiert Sonderpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist als pädagogische Mitarbeiterin an einer offenen Ganztagsschule tätig. Für die Lehramtsstudiengänge seien zwar Praktika vorgegeben. «Danach folgen zwei Jahre Referendariat, in der die gesamte Erfahrung gesammelt werden soll.» Es sei für sie aber sehr wichtig, andere Bereiche des schulischen Kontextes kennenzulernen. «Im Bereich des offenen Ganztages hat man eine völlig andere Beziehung zu den Schülern als eine Lehrkraft», erläutert sie.

Der Studienbereich als Maßstab

Ob es Praxiserfahrung unbedingt braucht, hängt auch vom Studienfach ab. «Grundsätzlich haben es Absolventen technischer und naturwissenschaftlicher Studiengänge einfacher mit dem Berufseinstieg. Aber auch hier sind praktische Erfahrungen von Vorteil», sagt Petra Lehmann. In den geisteswissenschaftlichen Studiengängen jedoch seien praktische Erfahrungen unabdingbar.

«Ich denke, das muss jeder für sich selbst entscheiden, wie und in welcher Art Berufserfahrung für jemanden wichtig ist», sagt Klara Feicht. «Aus meiner Sicht ist es aber in meinem Studium wichtiger, Erfahrung zu sammeln, als in anderen Bereichen», so die Studentin, «da es in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen keine Musterlösung gibt und keine Vorlesung der Welt einem beibringt, was man von ihnen selbst lernt.»

Vorerfahrung kann sich außerdem finanziell auszahlen. Malte Sander vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sagt: «Praktika wirken sich in den Geisteswissenschaften wesentlich positiver auf das Einstiegsgehalt aus als in den Naturwissenschaften oder der Technikbranche.» Beim Eintritt in geisteswissenschaftliche Berufe hebe Vorerfahrung den Lohn im Schnitt um elf Prozent. Grundsätzlich sei das Einstiegsgehalt in den anderen Bereichen aber höher.

Auslandserfahrung ist gern gesehen

Laut Sander zeigen Erasmusstudien, dass Studierende, die Berufserfahrung im Ausland gesammelt haben, schneller einen Job finden. «Außerdem bekommen Absolventen mit Auslandserfahrung ein höheres Gehalt.»

Verena Schultz-Coulon von der Universität Heidelberg präzisiert: «Tätigkeiten im Ausland sind sinnvoll und wichtig, wenn Studierende in internationalen Konzernen oder bei internationalen Organisationen arbeiten möchten.» Im Zuge der zunehmenden Globalisierung sei es wichtig, interkulturelle Erfahrungen und entsprechende Kompetenzen zu erwerben. Das sei auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt von Vorteil.

Wenn Geld vor Erfahrung steht

Ob Kellnern, Kurierfahrten oder Flyer verteilen: Wer neben dem Studium Brotjobs nachgeht, um sich sein Auskommen zu sichern, muss sich nicht schämen. «Zunächst ist es sehr wichtig, die eigene Lebenslage mit Stolz zu betrachten», sagt Ragnhild Struss. «Wer neben dem Studium darauf angewiesen ist, durch fachfremde Jobs Geld zu verdienen, dem gebührt Respekt.»

Sie empfiehlt diesen Studierenden aber, «alle möglichen Arten der Weiterbildung zu nutzen: VHS-Kurse belegen, Vorträge besuchen oder Bücher lesen.» Denn solche autodidaktischen Bemühungen signalisierten Eigeninitiative, fachliches Interesse und Lernbereitschaft.

Förderung beantragen

Eine weitere Möglichkeit besteht laut Struss darin, staatliche Förderung zu beantragen, um sich dann mit Praktika oder anderen Tätigkeiten beschäftigen zu können. Neben Bafög könnten Stipendien eine Option sein.

Auch Malte Sander rät Studierenden, sich finanzielle Hilfe zu holen. «Es ist möglich, sich einen Überbrückungskredit von beispielsweise einem Jahr auszahlen zu lassen, so dass man sich innerhalb dieses Zeitraums mit Berufserfahrung auseinandersetzen kann.»

Fazit: Es ist ratsam, während des Studiums möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Ein roter Faden sollte aber erkennbar sein. Diejenigen, die beim Berufseinstieg noch grün hinter den Ohren sind, haben es etwas schwerer im Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt.