Freitag, 17. Juli 2020

Die Schneepflugfalle: Wenn Eltern dem Kind alles abnehmen

Es steckt in Kindern drin, Dinge selbst machen zu wollen. Doch manche Väter und Mütter lassen das kaum zu - aus Vorsicht oder Bequemlichkeit. Warum dieses Verhalten dem Nachwuchs schadet.

Hindernisse sind da, um aus dem Weg geräumt zu werden. Manchmal nehmen Eltern diesen Spruch mit Blick auf ihre Kinder aber allzu wörtlich. Das Anziehen geht nicht? Ich mache das. Die Hausaufgaben sind zu schwierig? Ich mache das. Streit mit dem Kitakumpel? Ich regele das. Es gibt auch einen Begriff dafür: Schneepflugeltern. Denn sie schieben für ihr Kind alles beiseite.

Fachleute sehen solch ein überbehütendes Erziehungsverhalten kritisch. Denn auch wenn Vater oder Mutter es damit nur gut meinen: Sie schwächen auf längere Zeit gesehen das Selbstvertrauen ihres Nachwuchses und nehmen ihm Entwicklungschancen. Die Kinder trauen sich weniger zu. Denn der Spruch «Aus Fehlern lernt man» stimmt.

Das Problem mit dem Schneepflug

Auf irgendeine Art und Weise haben wohl die meisten Eltern schon einmal den inneren Schneepflug angeschmissen. «Ich bin selbst Vater und ertappe mich hin und wieder dabei, eine Aufgabe selbst zu machen, statt ewig darauf zu warten, dass es das Kind schafft», gibt auch Ralph Schliewenz zu. Als auf Kinder und Jugendliche spezialisierter Psychotherapeut weiß er aber auch: Einen Gefallen tue man seinem Kind damit nicht.

Klar lehnt sich manches Kind gerne genüsslich zurück und fühlt sich sicher, wenn alle Herausforderungen von den Eltern gemeistert werden. «Am Ende hat das Kind aber in seiner Entwicklung nichts von so einem Verhalten», sagt Schliewenz. Es wird damit nicht zum Problemlöser - und das wiederum ist ein großes Problem.

Denn das Leben ist gespickt mit Herausforderungen. Wer es schafft, sie anzugehen, wird stolz darauf sein und Glück oder Zufriedenheit empfinden, so Psychotherapeut Schliewenz. Bleibt das aus, wird das Kind im Laufe der Zeit ängstlicher und wohl auch unzufriedener. Und: Es wird Probleme immer seltener allein angehen und bewältigen wollen.

Kinder wollen Dinge selbst anpacken

Dabei steckt es in Kindern drin, Dinge selbst machen zu wollen. Im Kindergartenalter muss man sie manchmal regelrecht bremsen in ihren Ambitionen. Dabei ist aber das richtige Maß gefragt. Wer den Eigenantrieb des Kindes zu übertrieben ausbremst, sorgt am Ende dafür, dass der Nachwuchs immer unselbstständiger wird. Schliewenz erläutert ein Beispiel: «Wird das Kind immer wieder daran gehindert, sich selbst die Schuhe zu binden, wird es das irgendwann nicht mehr selbst machen wollen.»

Eltern können also kaum früh genug anfangen, ihre Kinder selbst machen zu lassen. Der Nachwuchs könnte etwa beim Kochen helfen, sagt Erziehungsberater Ulric Ritzer-Sachs. Die Aufgaben müssen natürlich dem Alter angemessen sein. «Ein dreijähriges Kind sollte man sicher noch nicht mit einem scharfen Messer schneiden lassen, ein fünfjähriges Kind schon eher.»

Auf den Bauch hören und dem Kind vertrauen

Der Fachmann ermutigt Eltern, auf den eigenen Bauch zu hören und ihren Einschätzungen über die Fähigkeiten des Kindes zu vertrauen. Sie sollten aber in Ruhe erklären, wie das etwa mit dem Schneiden richtig geht. Einfach zur zu sagen: «Schneide dir nicht in die Finger», das ist dem Kind nicht wirklich eine Hilfe, sondern baut eher Druck auf.

Das Kind beteiligen und selbst Dinge machen zu lassen, zieht sich durch die gesamte Entwicklung durch, betont der Experte von der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Eltern sollten also in jeder Phase des Heranwachsens schauen, was das Kind schon selbst machen kann - und was nicht. Wer erst in der Pubertät mit der Eigenverantwortung anfängt, ist aus Sicht des Experten viel zu spät dran. «Wenn ein achtjähriges Kind noch nie allein beim Bäcker war, ist das schwierig», sagt Ritzer-Sachs.

Ein Erziehungsstil mit Folgen

Das kann Folgen haben. Das Risiko sehr unselbstständig zu werden oder sogar eine Störung zu entwickeln, sei bei Kindern von überbehütenden Eltern größer, so Ritzer-Sachs. Ausflüge mit der Schulklasse oder Übernachtungen bei Freunden können für sie zu einem Problem werden. Der Experte betont aber, dass das nicht für alle überbehüteten Kinder gilt.

Er berichtet aus seiner Beratungspraxis, dass er schon 18-Jährige erlebt habe, die sich nicht die Schuhe binden können. Oder 20-Jährige, die Angst vor dem Einkaufen haben. Wobei es neben dem Erziehungsstil auch andere Faktoren gebe, die dies beeinflussen.

Wege aus der Schneepflugfalle

Was können Eltern tun, damit sie nicht in die Schneepflugfalle geraten? Aufmerksam sein, mit anderen reden und sich selbst reflektieren, lautet die kurze Antwort.

«Es hilft, mit Freunden zu reden und sich ein Feedback geben zu lassen», erläutert Ritzer-Sachs. Und wenn das Kind extrem trotzig ist und sich einem widersetzt, sollte man vielleicht einmal in sich gehen und überlegen, ob der Rahmen der Erziehung stimmt - engt man das Kind zu sehr ein oder mutet man ihm zu viel zu?

Auch andere Details können Signale für fehlendes Selbstvertrauen sein: «Wenn ich merke, dass es sich vieles nicht traut und etwa nie allein die Spielplatzleiter hochgeht - das sind solche Details, woran man es sehen kann», sagt Ritzer-Sachs. Der Erziehungsberater betont auch: Je älter die Kinder sind, desto schwerer wird es, die Kurve zu kriegen.

Reine Bequemlichkeit

Letztlich sollten Eltern auch in sich hineinhören. Denn in erster Linie sei das Schneepflugverhalten reine Bequemlichkeit, sagt Psychotherapeut Ralph Schliewenz. Irgendwann aber werde es Vätern und Müttern damit nicht mehr gut gehen. Etwa, wenn sie immer sagen müssen: «Ich räume dir nicht alles hinterher.»

Dann sollten sie sich fragen, ob sie nicht selbst dazu beigetragen haben, dass die Situation jetzt so ist. Etwa, weil sie ihrem Kind das Spielzeug bisher immer hinterher geräumt haben - weil es so schneller ging.