yanlev - stock.adobe.com

Montag, 06. Mai 2019

„Abenteuer Internatsaufenthalt“ - Kinderbuchromantik im Realitätscheck

Haben "Hanni und Nanni" und "Harry Potter" Recht? Ein Bericht über das Leben im Internat - was stimmt? Und was ist Fiktion?

„Abenteuer Internatsaufenthalt“ - Kinderbuchromantik im Realitätscheck 

Getuschel und Gekicher im Schlafsaal, Mitternachtspartys und lustige Streiche im Klassenzimmer, die Erlebnisse der Zwillingsschwestern Hanni und Nanni haben Generationen von Mädchen geprägt und bei vielen den Wunsch geweckt, in einem Internat zur Schule zu gehen und zu leben. Ende der neunziger Jahre entführte Joanne K. Rowling Millionen von Jugendlichen und Erwachsenen in die Zauberwelt des Internats Hogwarts und viele Kinder wünschten sich, ebenfalls ein Internat besuchen zu können. 

Auch heute werden in Deutschland nach wie vor „Hanni und Nanni“ Bücher gelesen und die Harry Potter Bände regelrecht „verschlungen“. Trotzdem spürten gerade die deutschen Internate in den letzten fünf Jahren eine größere Skepsis gegenüber dem „Abenteuer Internat“. Die zum Teil sehr große Zurückhaltung von vielen Schülerinnen, Schülern und Eltern gegenüber deutschen Internaten steht im krassen Gegensatz zum selbstverständlichen Umgang der angloamerikanischen Staaten gegenüber der Lebensform Internat. 

Wenn man sich die Frage stellt, was die Vorteile eines Internatsbesuchs sind, dann findet man in der Internatsrealität viele Bereiche, die der Kinderbuchromantik von „Hanni und Nanni“ und „Harry Potter“ entsprechen. Es gibt aber natürlich auch Punkte, die man bedenken sollte, wenn man über das „Abenteuer Internat“ nachdenkt. 

Hier kommt der Realitätscheck:

Leben in einer starken Gemeinschaft – STIMMT!

Die Internatsgemeinschaft hält zusammen und die Schülerinnen und Schüler gewinnen mit dem Internatsbesuch sozusagen eine zweite Familie. Wichtig dabei ist, dass Internate nicht die Familie ersetzen möchten. Ihr Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler sich in der Internatsgemeinschaft aufgehoben und verstanden fühlen. Selbstverständlich ist dabei auch das soziale Lernen ein wichtiger Faktor. In der Internatsgemeinschaft muss ich mich an Regeln halten und lerne auf andere Rücksicht zu nehmen. Ich muss aber auch einfordern, dass meine Wünsche und Ideen gehört werden.  

Freunde fürs Leben finden – STIMMT!

Im Internat entstehen intensive Freundschaften, die meist ein Leben lang halten. Man teilt sich ein Zimmer, man erlebt Momente des Glücks miteinander, man teilt Kummer und Sorgen und man lernt gemeinsam für die Schule. Im Internat geschlossene Freundschaften gelten deshalb als besonders intensiv und beständig.  

Intensive schulische Förderung und ein vielfältiges Freizeitprogramm - STIMMT!

Internate haben ein erstklassiges Lehrangebot, wobei viele Internatsschulen sich auf bestimmte Begabungen und Interessen spezialisiert haben: Es gibt Angebote für zum Beispiel zukünftige Spitzensportler, junge Musiktalente oder hochbegabte Schüler. Dank der Spezialisierung können die Stärken der Schülerinnen und Schüler optimal gefördert werden, was wiederum zu herausragenden Leistungen führen kann. 

Neben der schulischen Förderung fällt das Freizeitangebot meist wesentlich umfangreicher als an Tagesschulen aus: Schwimmen, Segeln und Klettern wird genauso angeboten wie Debattierkurse oder Theatergruppen. So bekommen die Schülerinnen und Schüler Einblicke in unbekannte und interessante Themen und finden so oftmals ein neues Hobby oder entdecken eine neue Leidenschaft. 

Harry Potter und auch die Zwillinge würden ja aus unterschiedlichen persönlichen Motiven am liebsten „immer“ in Internat leben. Das entspricht nicht der Realität von Schülerinnen und Schülern, die eine Internatsschule besuchen. Die Wochenenden oder die Ferien Zuhause sind ein wichtiger Bestandteil der „Lebensform“ Internat. 

Deshalb haben wir drei Punkte zusammengestellt, die dem Realitätscheck nicht Stand halten und einen Wehrmutstropfen in der Kinderbuchromantik bedeuten: 

24 Stunden Spaß – STIMMT NICHT

Die Kinderbuchhelden haben immer Spaß. Das entspricht natürlich nicht der Realität. Das „Abenteuer Internat“ hält Höhen und Tiefen bereit, weil es ja auch das echte Leben widerspiegelt. Manchmal ärgern sich die Schülerinnen und Schüler über die Internatsregeln, streiten sich untereinander oder müssen für viele Klausuren und Tests lernen. Dann ist das Leben im Internat eben nicht „24 Stunden Spaß“. 

Es gibt kein Heimweh – STIMMT NICHT

Harry hat verständlicherweise kein Heimweh nach der Familie Dursley und dem Ligusterweg. Aber viele Schülerinnen und Schüler haben immer mal wieder mit Heimweh zu kämpfen. Der Realitätscheck sagt, es ist eben etwas anderes, in einem Internatswohnbereich ins Bett zu gehen und sich sehr selbstständig um alles kümmern zu müssen – nicht jede Schülerin/nicht jeder Schüler ist ein „Internatstyp“ und für das „Abenteuer Internat“ gemacht. Aber herausfinden kann man das wahrscheinlich am besten, indem man es ausprobiert. 

Alles ist besser – STIMMT NICHT

Der Besuch einer Internatsschule bedeutet nicht nur Veränderung für die Schülerinnen und Schüler. Auch der familiäre Alltag ist davon betroffen. Eltern vermissen ihre Kinder. Die Schülerinnen und Schüler vermissen ihre Freundinnen und Freunde zu Hause.  Gerade für Eltern, die ihre Kinder gerne sehr eng begleiten, ist das „Abenteuer Internat“ eine große Umstellung. Sie müssen lernen loszulassen und das fällt eben auch nicht immer leicht. 

Nach dem Realitätscheck der klassischen Internats-Kinderbuch-Stereotypen wird klar, dass die Entscheidung für einen Internatsbesuch immer eine sehr individuelle Entscheidung ist. Eltern und die Schülerinnen und Schüler sollten sich deshalb gut über Angebote und das Konzept der Internatsschulen informieren, die sie interessieren. Bei einem Besuch vor Ort kann man schnell feststellen, ob man sich auf das „Abenteuer Internat“ einlassen möchte. Viele Internate bieten deshalb einen „Tag der offenen Tür“ oder Elterninformationstage an. Das Angebot sollten Eltern und Schülerinnen und Schüler unbedingt nutzen. 

Harry Potter würde sagen: „Mut tut gut“. 

 

Autor: B.H. für SCHULEN.DE